|
15)
WIE SIEHT DIE RELIGIONSAUSÜBUNG IM
ALEVITENTUM AUS?
16)
WAS BEDEUTET „KONTROLLIERE DEINE
HÄNDE, DEINE ZUNGE UND DEINE LENDEN"?
17)
DIE DARSTELLUNG DES ALEVITISCHEN
GEISTLICHEN (DEDE)?
18)
WORUM HANDELT ES SICH BEI DER
CEM-ZEREMONIE?
19)
WAS SIND DIE 12 DIENSTE IN DER
CEM-ZEREMONIE?
20)
WIE IST EIN CEM-HAUS EINGERICHTET?
21)
BEDEUTUNG DES SAITENINSTRUMENTES
SAZ IM GOTTESDIENST?
22)
WIE SIEHT DIE RECHENSCHAFTSPOSITION
IM GOTTESBILD AUS (DÂRA DURMAK)?
23)
WELCHE BEDEUTUNG WIRD DEM SEMAH
EINGERÄUMT?
|
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- |
15) WIE SIEHT DIE RELIGIONSAUSÜBUNG IM ALEVITENTUM AUS?
é
Zurück
Entsprechend dem Glauben des Alevitentums
bedarf die individuelle Religionsausübung keiner bestimmten physischen Formen.
Hiermit ist gemeint, dass das individuelle Gebet im Alevitentum keinen
bestimmten Bewegungsablauf, Riten oder Praktiken vorschreibt.
Die Religionsausübung hat in diesem Sinne
auch keinen festen Ort oder eine bestimmte Zeit. Die beste Form der
Religionsausübung besteht darin, „die Hand, die Lenden und die Zunge zu
beherrschen" (eline,
diline, beline sahip ol), den Menschen als heiliges Wesen
anzusehen, die Menschen zu lieben und zum vollendeten Menschen (İnsan-i Kamil) zu
streben; also: ein reifer und tugendhafter Mensch zu werden.
Wenn das Alevitentum keine bestimmten
Pflichten für die Religionsausübung festlegt, so bedeutet dies nicht, dass es
keine gibt. Der Unterschied liegt in der Trennung zwischen individueller und
kollektiver[53]
Religionsausübung. Die individuelle Religionsausübung kann von jedem in
jeglicher Weise praktiziert werden. Darum geht es im Alevitentum.
Das alevitische Glaubenssystem sagt, dass
der Mensch durch sein eigenes Herz zu Gott finden soll. Formalismus steht
diesem Glauben fern. Statt der Gottesfurcht steht die Liebe zu Gott an erster
Stelle. Der Mensch ist das höchste Geschöpf, und wer den Menschen nicht liebt,
kann auch keine Liebe zu Gott empfinden.
Das Alevitentum beruht auf unabhängigem
Denken, freiem Verhalten und einer der zeitgenössischen Welt entsprechenden
Lebensweise. Keine Religion, Sprache, Rasse und Nation wird diskriminiert, denn
an erster Stelle steht Liebe und Toleranz. Die wahre Religionsausübung besteht
darin, das Leben als ganzes als Religionsausübung zu betrachten und
entsprechend rein und wahrhaftig zu leben.
Bei der kollektiven, in der Gemeinschaft praktizierten
Religionsausübung, wie z.B. bei der Cem-Zeremonie, existieren bestimmte Bräuche
und Regeln, die eingehalten werden müssen. Für einen Aleviten, der sich zum Alevitentum
bekennt und danach lebt, ist es Pflicht, an der Cem-Zeremonie teilzunehmen,
sofern keine wichtigen Umstände die Anwesenheit verhindern.
Es gibt außerdem noch Formen der
Religionsausübung wie die bei Geburt und Tod, beim Gelübde (Adak) und der Trauer im
Monat „Muharrem",
wobei spezielle Rituale vorgesehen sind. Bei diesen Gelegenheiten werden
heilige Texte vorgetragen, die „Nefes",
„Deyiş"
und „Gülbeng"
genannt werden.
Grundlegend für das Alevitentum ist es
auch, die Scharia kategorisch abzulehnen. Die Scharia ist das islamische
Verhaltensgebot und regelt die Verhaltensweisen der Menschen. Sie versucht
durch strikte Vorschreibungen und Gesetze eine Regelung aller Bereiche der
menschlichen Existenz zu erzielen und umfasst sowohl moralische als auch
rechtliche Grundsätze. Aleviten räumen dem individuellen und kritischen Denken
sehr viel Platz ein und lehnen daher das islamische Gesetz ab.
Des Weiteren ist ein elementarer
Bestandteil des Alevitentums, alles in der Waage zu halten. Das Gleichgewicht
zwischen allem Konträren[54] zu
halten, ist eines der wichtigsten Werte der alevitischen Ethik[55]. Lässt
man die Saite (tel) der Saz zu lasch, kommt kein Ton heraus, spannt man sie zu
fest, reißt die Saite. Demnach sollte jeder Alevit in seiner Religionsausübung
und in allen weiteren Lebensbereichen stets die goldene Mitte finden.
16) WAS BEDEUTET „KONTROLLIERE DEINE HÄNDE, DEINE ZUNGE UND DEINE
LENDEN"?
é
Zurück
Der Kodex
„Achte auf die Reinheit Deiner Hände, Deiner Zunge und Deiner
Lenden" ist das wichtigste Prinzip im Alevitentum. Diese wenigen Worte
drücken den Kern der alevitischen Ethik aus. Hacı Bektaş Veli hat
diese Worte im 13. Jahrhundert ausgesprochen und geprägt. Seither dienen sie
als komprimierte Verhaltensmaxime im Aleviten- und Bektaschitentum.
Die
Reinheit der Hände symbolisiert das Gebot, dass Aleviten
niemals ihre Hand nach Sachen ausstrecken dürfen, die ihnen nicht gehören.
Jedoch beschränkt sich dies nicht nur auf materielle Dinge. All das, was jemand
anderem zusteht, darf nicht verletzt werden (kimsenin
hakını yememek). Zudem versinnbildlicht die Kontrolle der
Hand, dass jegliche Form der Gewalt ausdrücklich untersagt ist.
Die
Reinheit der Zunge verbietet Lügen, üble Nachreden und
ähnliches. Dies fordert stets zum wahrheitsgetreuen Reden auf. Des Weiteren
besagt die Zügelung der Zunge, dass man das Geheimnis (sır) vor
Außenstehenden wahren soll. Die Zügelung der Zunge und die Wahrung des
Geheimnisses haben noch einen tieferen, mystischen Sinn, dessen Erklärung
jedoch an dieser Stelle zu ausführlich wäre.
Die
Reinheit der Lenden meint im direkten Sinn, dass man in einer monogamen[56] Ehe
leben soll. Jedoch symbolisiert die Zügelung der Lenden vielmehr und impliziert
die Bekämpfung der niederen Triebseele (nefs).
Die Bekämpfung der niederen Triebseele zieht sich durch die komplette
alevitische Lehre. Die niedere Triebseele beinhaltet Charakterzüge wie
Egoismus, Habgier, Arroganz, Wollust, Neid, Bosheit usw. Das Alevitentum ist
der Weg, diese niedere Triebseele durch den Einklang mit Gott zu besiegen. Die
Kontrolle der Lenden drückt letzten Endes dies aus.
17) DIE DARSTELLUNG DES ALEVITISCHEN GEISTLICHEN (DEDE)?
é
Zurück
Der erwähnte Dede dient als geistiger
Lehrer oder Wegweiser (auch Pir
oder Mürşit genannt)
zur Vervollkommnung der Menschen. Ein Dede leitet auch die Cem-Zeremonien. Er
nimmt in dem Leben des einzelnen Aleviten einen wichtigen Platz ein, nachdem
der Alevit vor einem Dede sein Gelöbnis (İkrar)
abgeleistet hat. Mit der Abgabe des Gelöbnisses, welches als Initiation[57] in das
Alevitentum bezeichnet werden kann, wird der Alevit zu einer Art „Novize[58]" (Mürid, Talip). Dieser
steht unter der geistigen Leitung eines Dedes. Der türkische Begriff
„Dede" bedeutet wortwörtlich „Großvater". In dem religiösen Kontext
soll dieser Begriff eher einen alten, weisen Mann beschreiben. Oft gilt das
Alter als ein Symbol der Weisheit. Auf diese bezieht sich der Begriff Dede. Der
persische Begriff Pir
sagt nichts anderes aus.
Ein weiteres Merkmal eines Dedes ist, dass
dieser unbedingt aus dem Stammbaum des Propheten Mohammed bzw. aus einem der 12
Imame abstammen muss. Der Prophet selbst hatte keine Söhne die ihn überlebt
haben. Die Nachkommen entstammen der Linie seiner Tochter Fatima, die mit Ali
verheiratet war. Sie bilden heute die alevitischen Geistlichen. Ein zentrales
Werk im Alevitentum, das „Imam
Cafer Sadık Buyruk", betont dies an mehreren Stellen. Die
Blutsverwandtschaft zum Propheten ist jedoch nur die notwendige Bedingung, ein
Dede zu werden und in keinem Maß hinreichend für eine geistige
Führungspersönlichkeit. Es ist außerdem die Zustimmung der Glaubensgemeinde
erforderlich. Diese Vertrauensfrage wird bei jedem Gottesdienst neu gestellt.
Wenn jemand glaubt, dass der Geistliche
kein vorbildliches Leben führt, kann es bekundet werden, und es wird dann
geprüft, ob er weiter sein Amt ausüben darf oder nicht. Wenn seine Lebensweise
nicht in Einklang zu bringen ist mit der Glaubenslehre, darf er sein Amt nicht
weiter ausüben. Als Geistlicher muss man also nicht nur der Blutslinie der
Prophetenfamilie (Ehl-i Beyt) angehören sondern man muss auch ein vorbildhaftes
Leben führen.
Der Dede muss sowohl im Alevitentum als
auch in anderen Glaubenslehren bestens bewandert sein, aber auch ein
ausgeprägtes soziales Empfinden haben. Er hat einen Wegbruder (Müsahip), bildet seine
Schüler (Talip)
aus und begleitet diese auf dem geistigen Pfad der vier Pforten und vierzig
Stufen. Dazu gehört, dass der Dede mindestens einmal im Jahr seine
Talipfamilien besucht, nach deren Wohlbefinden fragt, und sie - sofern sie in
der Gesellschaft kein Unrecht begangen haben - segnet. Die Wichtigkeit eines
Dede drückt der weltweit bekannte islamische Mystiker Celalleddin Mevlana Rumi
folgendermaßen aus: „Wer
ohne Führer reist, braucht zweihundert Jahre für eine Reise von zwei
Tagen." Der Dede dient lediglich als Wegweiser; den Weg jedoch
muss jeder selber gehen.
18) WORUM HANDELT ES SICH BEI DER CEM-ZEREMONIE?
é
Zurück
Die Cem-Zeremonie (auch Ayn-ı Cem
genannt) ist der zentrale Gottesdienst der Aleviten. „Cem" bedeutet dem Wortsinn nach „Versammlung",
„Vereinigung“ bzw. „Zusammenkunft". Ein Alevit kann im Cem-Gottesdienst:
-
Für das
Einswerden in der gemeinsamen Anbetung von Allah-Mohammed-Ali beten,
-
Seiner „zu
Gott gegangenen“ Verwandten gedenken,
-
Ein Tieropfer
darbringen,
-
Ein
gesegnetes Mahl (lokma) der Gemeinde zur Verfügung stellen,
-
Rechenschaft
für sein Fehlverhalten abgeben und
-
Im
Alevitentum unterrichtet werden.
Es wird angenommen, dass diese
Gemeindeversammlung, die im Alevitentum eine immens zentrale Rolle spielt, auf
die „Versammlung der Vierzig" (Kırklar-Cemi)
zurückgeht.
Dabei handelt es sich um folgende Überlieferung:
Mohammed kommt nach seiner Himmelsreise (Miraç) an eine Pforte,
wo die so genannten „Bund der Vierziger", 17 Frauen und 23 Männer, in ihr
Gespräch vertieft sind. Als er an die Tür klopft, rief man von innen: „Wer bist
Du?" Daraufhin antwortet er:„Ich bin der Prophet; öffnet die Tür und lasst
mich hinein!"
Die Versammelten sagen daraufhin:„Unter uns
hat ein Prophet keinen Platz. Übe Dein Prophetentum in Deiner Gemeinde
aus." Daraufhin kehrt der Prophet um. Zwar nennt er nochmals seinen Namen
und will hinein, aber er wird nicht eingelassen. Da hört der Prophet die Stimme
Gottes:„O Mohammed; gehe an die Tür und nimm an der Versammlung teil!" Da
geht der Prophet wieder zu der Pforte und klopft wieder. Man fragt von
drinnen:„Wer bist Du?" Diesmal antwortet der Prophet:„Ich bin ein Armer,
einer wie Ihr und folge Euch." Da wird er eingelassen.
Dort saßen die Vierziger Heiligen
versammelt und unterhielten sich. Mohammed sagte: „Die heilige Tür, die Tür der
Wohltaten steht offen. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“ – und
trat ein. Drinnen saßen 39 gläubige Heiligen - Seelen (Canlar) (aus 22 Männern
17 Frauen).
Mohammed setzte sich und fragte „Wer seid
ihr? Wie heißt ihr?“. „Wir sind die Vierziger. Wir sind alle gleich, Vierzig
für einen, Einer für Vierzig“ antworten sie. „Aber einer fehlt, wo ist er?“
fragte Mohammed. „Das ist der Heilige Selman, er ist auswärts. Er macht seinen
Sammelgang (parsa). Selman ist auch hier, betrachte ihn als anwesend“ sagen die
Vierziger.
Mohammed bat die Vierziger, ihm dies zu
beweisen. Darauf hin streckte Ali seinen Arm aus und ritze es mit einem Messer. Alis Arm begann zu
bluten und gleichzeitig auch die anderen bluteten. In diesem Augenblick drang
ein Blutstropfen durch das Fenster und tropfte in ihre Mitte. Das war Blut aus
dem Arm Selmans, der auswärts war worauf hin der Selman aus seinem Sammelgang
zurück kam. Er hatte eine einzige Weintraube mitgebracht. Die Vierziger legen
diese Traube Muhammet vor und sagen „Oh Diener der Armen, tue einen Dienst und
teile diese Traube unter uns auf!“. Muhammet war besorgt und dachte „Sie sind
vierzig Personen und es gibt nur eine einzige Traube, wie kann ich sie
aufteilen?“. In dem Augenblick schickte Gott den Gabriel (Cebrail) zu Hilfe an
Muhammet. Gabriel übergibt Muhammet einen leuchtenden Teller aus dem Paradies.
Daraufhin gab Muhammet einen Tropfen Wasser in den Teller, dann zerdrückte er
mit seinem Finger die Traube zu Saft. Die Vierziger tranken von diesem Saft.
Darauf hin schreiten die Vierziger zum Semah.
Bei den Versammlungen (Cem) der Aleviten nehmen
sowohl Frauen als auch Männer teil. Man spricht in der Zeremonie nicht von
Frauen oder Männern, Älteren oder Jüngeren, Reichen oder Armen sondern nur von Menschen
Seelen (canlar). Meist veranstaltet man die Cem-Zeremonie in den Wintermonaten und zwar an
Donnerstagabenden. Jeder Teilnehmer bringt etwas zu essen mit und trägt soviel
bei, wie er kann.
Es soll allerdings nicht ersichtlich sein,
wer wie viel mitgebracht hat. Damit soll verhindert werden, dass die Menge des
Beitrags zu einer Privilegierung von einzelnen Teilnehmern führt. Das Essen
wird dann unter den Anwesenden am Ende der Zeremonie gleichmäßig aufgeteilt.
Der alevitische Geistliche (Dede)
setzt sich auf einen zentralen Platz in der Gemeinde, Männer und Frauen sitzen
gemeinsam in Kreisform um ihn.
Ehe der Gottesdienst verrichtet werden
darf, müssen jegliche Streitigkeiten zwischen den Anwesenden geklärt werden und
jede Person mit allen Anwesenden der Cem-Zeremonie einverstanden sein. Das
Einvernehmen (rızalık)
ist ein elementarer Bestandteil des Alevitentums. Selbst der Dede fragt die
Gemeinschaft, ob sie damit einverstanden ist, dass er die Zeremonie leitet.
Danach beginnen die zwölf Bediensteten ihre Pflichten auszuüben.
Die Cem-Zeremonien können ihrem Anlass entsprechend
klassifiziert werden. Es gibt folgende Hauptkategorien:
Der
Gelöbnis Cem (İkrar-Cem): Diese
Versammlung wird einberufen, wenn eine Person sich dafür entschieden hat, den
Weg des Alevitentums einzuschlagen, sich an einen Dede zu binden und eine/n
Wahlschwester/-bruder (Müsahip)
auszusuchen.
Der „Überprüfungs-Cem“
(Görgü-Cem): Dies
ist die wichtigste religiöse Zeremonie der anatolischen Aleviten. Bei dieser
Versammlung werden die „12 Dienste" vollbracht. Die Seelen konfirmieren
bei dieser Zeremonie nochmals ihr Gelöbnis, das sie bei ihrem ersten İkrar-Cem ausgesprochen haben. Zerstrittene werden miteinander versöhnt
und die Verschuldeten müssen zuvor ihre Schulden abstatten. An diesem Cem
dürfen nur jene teilnehmen, die ihr Gelöbnis abgegeben und eine/n Wahlschwester/-bruder
haben.
An dem Einheits-Cem (Birlik-Cem)
hingegen dürfen alle Interessenten, gleich ob Alevit, Sunnit oder Christ
teilnehmen, wenn sie nicht von der Teilnahme ausgeschlossen sind (düskün). Zu
einem Ausschluss aus der Gemeinde kommt es bei schweren Verbrechen, die nicht
ohne weiteres wieder gut gemacht werden können. Der Ausschluss ist zunächst
unbefristet, kann aber nachträglich von einer hierfür zuständigen Instution
(Düskünler Ocagi) befristet werden.
Ein weiteres Merkmal der Cem-Zeremonie ist,
dass die anwesenden Menschen befragt werden, ob ihnen innerhalb der
Gesellschaft bzw. Gemeinschaft Unrecht zugefügt wurde. Falls jemand eine
Beschwerde vorbringen möchte, so tritt dieser vor den Dede und schildert die
Begebenheiten. Dies kann nur geschehen, wenn der „Beschuldigte" ebenfalls
anwesend ist. Der Dede hört sich beide Parteien an und versucht, beide Seiten
zu versöhnen. Falls es - aus welchen Gründen auch immer - zur keiner Versöhnung
kommt, darf die Cem-Zeremonie nicht weitergeführt werden. Sofern eine oder
beide Seiten schuldig sind und sich nicht versöhnen wollen bzw ihrer
Wiedergutmachungspflicht auf Aufforderung nicht nachkommen, müssen sie den
Gottesdienst verlassen, damit dieser stattfinden kann. Der Respekt vor dem
Geistlichen und der Gemeinde ist jedoch so stark, dass dies in seltenen Fällen vorkommt.
Diese Instanz in der Cem-Zeremonie wird Dar-ı
Mansur genannt.
Da die Cem-Zeremonie ein Kollektivgebet des
Momentes ist, kann solch ein Gebet auch unabhängig von Räumlichkeiten
stattfinden und ist nicht auf eine spezifische Gebetsstätte angewiesen.
19) WAS SIND DIE 12 DIENSTE IN DER CEM-ZEREMONIE?
é
Zurück
Im Kollektivgebet der Aleviten, also in der
Cem-Zeremonie, sind die so genannten 12 Dienste (12 hizmet) ein sehr wichtiger und nicht
wegzudenkender Bestandteil. Die Anzahl Zwölf ist eine Anlehnung an die heiligen
12 Imame des Alevitentums, die als schuld- und sündenlos gelten. Jedoch sind
diese Dienste nicht den einzelnen Imamen zuzuordnen. Jeder Dienst wird von
einem Bediensteten verrichtet, wobei auch ein Dienst mehrere Bedienstete kennt,
aber auch ein Bediensteter mehrere Dienste erfüllen kann.
Oft sind diese Dienste Riten, die einen
Glaubensinhalt des Alevitentums symbolisch darstellen sollen. Zu Beginn der
Cem-Zeremonie werden die Personen, die die 12 Dienste verrichten sollen, mit
einem Lied (Deyiş, nefes)
aufgerufen. Auch zum Dienen bzw. zum Dienst im Gebetsrituall auszuüben benötigt
der Alevite ein Einverständnis. Sofern ein Anwesender der Cem-Zeremonie mit
einem der Bediensteten nicht einverstanden ist, darf dieser diesen Dienst nicht
ausführen.
Hier eine Auflistung der 12 Dienste:
1.) Dede/ Rehber: Der Dede
leitet den Cem-Gottesdienst. Der Rehber kann hier sinngemäß als
„Wegbegleiter" bezeichnet werden, der die Anwesenden der Cem-Zeremonie
durch den Gottesdienst begleitet und dem Dede im entfernten Sinne assistiert.
2.) Zakir: Der Zakir ist für die musikalische
Begleitung der Cem-Zeremonie verantwortlich. Mit dem anatolischen
Saiteninstrument Saz spielt er religiöse Lieder (nefes, Deyiş, mersiye), vor allem aber
Lobpreisungen an die Familie des Propheten Mohammed und die 12 Imame (Düvaz, Duaz-i İmam).
3.) Gözcü: Gözcü vom Türkischen ins
Deutsche übersetzt bedeutet „der Seher / die Seherin". Hiermit sind jedoch
keineswegs hellseherische Kräfte gemeint, sondern die das Hüten der Ordnung
bzw. die Aufsicht in der Cem-Zeremonie. Der Dienst des Gözcüs ist nämlich, für
einen reibungslosen Ablauf des Gottesdienstes zu sorgen.
4.) Delilci/ Çerağci: Der Delilci entzündet das
symbolische Licht im Cem-Gottesdienst. Es symbolisert das ursprüngliche Licht Mohammed-Alis.
Dieses Licht soll die Erleuchtung darstellen und wird oft in Verbindung mit dem
Ausspruch Hacı Bektaş Velis verwand: „Glücklich ist der, der die
Gedankenfinsternis erhellt (Düşünce
karanlığa ışık tutana ne mutlu)".
5.) Süpürgeci/ Ferraş: Der Süpürgeci kann als Feger
übersetzt werden. Das symbolische Fegen symbolisiert, das all jenes, was in der
Cem-Zeremonie geschieht (wie z.B. die Streitschlichtung), auch dort bleibt.
Zugleich wird mit dem Fegen das Herz der Anwesenden symbolisch gereinigt.
6.) Semahcı/ Pervane: Die Semahcıs sind die
Personen, die das Semah-Rituellen Gebetstanz verrichten.
7.) Saki/ Sakkacı: Der Sakkacı ist zum
einen für die rituelle Wasserverteilung in der Cem-Zeremonie verantwortlich. Zum anderen aber erinnert er das Leiden des Imam Hüseyins, der in Kerbela
schweren Durst erleiden musste und ermordet wurde.
8.) Kapıcı/ Bekçi: Kapıcı oder Bekci bedeutet sinngemäß
Wächter. Nach Beginn der Cem-Zeremonie hat er die Aufgabe, niemanden hinein
oder heraus zu lassen. Da in Anatolien früher die Cem-Zeremonien verboten
waren, musste der Bekci
dafür Sorge tragen, dass der Gottesdienst ungestört und verborgen ablaufen konnte.
Auch die Aufgabe, Ausgeschlossenen keinen Einlass zu gewähren, obliegt dem
Kapici.
9.) Peyik: Die Aufgabe des Peyiks ist es, Datum,
Ort und Uhrzeit den Mitgliedern der Gemeinde zu verkünden.
10.) İznikci: Der İznikci ist für die
Reinigung des Cem-Gottesdienstes verantwortlich. Zudem legt er mit einem Gebet
bzw. dem „Rosenruf (Gülbeng)"
ein Schafsfell (post,
secade) auf den Sitz des Dedes.
11.) Teszekâr: Die Aufgabe dieses
Dienstes ist es, durch eine symbolische Reinigung der Hände, die Herzen der
Menschen von Schlechtigkeiten zu befreien. Nicht selten führen ein Mann und
eine Frau (häufig auch ein Ehepaar) diesen Dienst aus.
12.) Lokmacı/ Sofracı/
Kurbancı: Jede Person, die zur Cem-Zeremonie erscheint, bringt ein
Nahrungsmittel mit. Hierbei ist es vollkommen belanglos, wie viel der Einzelne
mitgebracht hat. Die Aufgabe der Lokmacıs
ist es, die Gaben entgegen zu nehmen und sie vorzubereiten, damit das gesamte
Essen gleichmäßig an alle Beteiligten verteilt wird. Auf die gleichmäßige
Verteilung an alle Teilnehmer der Zeremonie wird sehr viel Wert gelegt.
Ein Cem-Gottesdienst ohne besonderen Anlass wird wie folgt
ablaufen:
-
Der Geistliche
übernimmt mit dem Einverständnis der Gemeinde die Leitung des Gottesdienstes.
-
Der
Geistliche informiert die Anwesenden über die Einzelheiten und Bedeutungen der
Handlungen im Gottesdienst.
-
Saz
Spieler (zakirler) tragen drei Gesänge vor.
-
Der Süpürgeci-Feger
übernimmt seinen Dienst und kehrt symbolisch den Platz.
-
Der
Sitzplatz des Dede-Gesitlicher wird bereitet. Er wird durch ein Schaf-Fell
(Post) markiert, das die Blutslinie des Geistlichen zum Propheten und Ali
symbolisiert.
-
Der
Geistliche stellt das Einvernehmen der Beteiligten im Gottesdienst her.
Gegebenfalls findet eine Versöhnung statt und werden Strafen erteilt.
-
Die 12
Dienste übernehmen durch Fürbitte ihre Dienste.
-
Das
Licht wird durch das Delilci angezündet. Dieses Licht soll das Licht Mohammed-Alis
und seinen Segen über der der Geimenschaft darstellen.
-
Teszekâr
nimmt symbolisch eine Waschung (seelische Reinigung) im Name der Beteiligten
vor.
-
Das
Tieropfer (Kurban) und das Mahl (Lokma) werden gesegnet und danach mit den
übrigen Gaben vermischt, so dass der Segen auf alle übergeht.
-
Der
Geistliche erklärt Wertesystem „Vier Toren, Vierzig Stufen (Yol ve Erkân)“.
-
Es wird
gemeinsam dafür gebetet, daß der Gottesdienst angenommen wird (mühürleme/
birleme)
-
Ausspruch
(mühürleme) des Geistlichen: „Unser Cem (wie eine Burg) schließen wir im Namen
Gottes durch den Stempel des Engels Gabriel, mit dem Schlüssel von
Hasan-Hüseyin. Unsere Gemeinschaft möge unter Schutz Alis stehen. Jetzt
sprechen wir unser „Stoßgebet“ an Mohammed Mustafa aus (Mohammed Mustafa
aşkına verelim Salâvat)“.
-
Das
Geistliche Betet das türkische Gebet zur Barmherzigkeit Gottes
(bağışlama) und die Beteiligten beten, dass ihre Beichte[59] und
Reue (tövbe) angenommen wird.
-
Der
Geistliche leitet die symbolische „Versammlung der Vierziger“ ein (miraçlama).
-
Das
Rituale des „semah der Vierziger“ findet statt.
-
Geweihtes
Wasser wird verteilt.
-
Das Mahl
(Lokma) wird verteilt, gesegnet und nach einem Tischgebet eingenommen.
-
Die
Stelle des Schaffel (Post) wird symbolisch gekehrt und aufgeräumt.
-
Das
Licht wird zur Ruhe (dinlendirme) gebracht. Das Wort „auslöschen“ wird dafür
nicht benutzt. Das Licht symbolisiert die Ewigkeit, von daher es wird nicht
gelöscht sondern zur Ruhe gebracht.
-
Der
Geistliche erklärt das Ende des Gottesdienstes und wünscht allen „ein
gesegnetesWiedersehen“.
20) WIE IST EIN CEM-HAUS EINGERICHTET?
é
Zurück
Aufgrund der Verfolgungspolitik und der
sunnitischen Vorherrschaft durfte ein Cem-Haus in der Türkei äußerlich nicht
erkennbar sein. Deshalb sind es schlichte Häuser gewesen. Das Haus des
Geistlichen hat meistens auch entsprechende Räume zur Verfügung gestellt. Es
gibt aber alevitische Ordenshäuser bzw. Ordenskloster mit einer eigenen
Architektur. Heute gibt es auch Cem-Häuser mit entsprechenden Symbolen z.B die
aus 12 Eckwänden – die 12 Imamen symbolisierend - bestehen. Ein Minarett, eine
Kuppel oder ähnliches haben wir jedoch nicht. Oft halten die Aleviten auch Ihre
Gottesdienste in kirchlichen Gemeindesälen ab. Auch diese Stätten sind ist für die
Aleviten heilige Orte.
21) BEDEUTUNG DES SAITENINSTRUMENTES SAZ IM GOTTESDIENST
é
Zurück
Der Saz ist ein türkisches Saiteninstrument
mit sechs Saiten, dessen Klangkörper aus einem Stück Holz hergestellt ist. Zu
ihm gibt eine kleine Variante mit dem Namen „Cura“ und eine größere mit dem
Namen „Bağlama“. Das Saz-Instrument spielt im Gottesdienst eine besondere
Rolle.
Die Aleviten nennen den Saz auch den „Koran
mit Saiten“. Der Saz Spieler Zakir begleitet auf seinem Instument und mit
seinem Gesang den gesamten Cem-Gottesdienst insbesondere die Semah Rituale. Für
die einzelnen Zeremonien gibt es bestimmte Lieder, die vorgetragen werden.
22) WIE SIEHT DIE RECHENSCHAFTSPOSITION IM GOTTESBILD AUS (DÂRA
DURMAK)?
é
Zurück
Ein wichtiger Teil des Cem-Gottesdienstes
besteht darin, Rechenschaft abzulegen. Das Ritual wird in der Mitte des
Gottesdienstraums vollzogen. Dabei kann jedes Gemeindemitglied selbst in die
Mitte kommen und Rechenschaft ablegen oder es kann auf Wunsch eines
Gemeindeangehörigen durch den Gesitlichen aufgefordert werden, Rechenschaft
abzulegen. Gegebenfalls kann diese Person zur Rechenschaft gezogen werden.
Die gängige Position, in der Rechenschaft
abgelegt wird, heißt dâr-ı Mansur und der Name stammt von dem brühmter
Mystiker Hallac-ı Mansur. Er wurde wegen seiner bewusst missverstandenen
Äußerungen zum Einswerden von Menschsein Hak (en-el Hak) durch ein islamisches
Gericht als Gotteslästerer beschuldigt, zum Tode verurteilt und im Jahre 922 in
Bagdad gehängt.
Hallac-ı Mansur hat die alevitische
Lehre maßgeblich mit beeinflusst. In verehrender Errinnerung an Hallac nennen
die Aleviten die Haltung einer Person bei der Ablegung von Rechenschaft
„dâr-ı Mansur“. Die betreffende Person beugt sich vor dem Geistlichen und
geht in die Mitte des Raums, steht etwas nach vorne gebeugt und legt die Hände
gekreuzt auf die Brust. Der rechte Fuss wird dabei auf den linken Fuss gelegt.
Diese Fussposition ist auf den Heiligen Imam Hüseyin bezogen. Außerdem gibt es
andere Positionen, wie mit dem Gesicht den Boden berühren (dâr-ı
Fazlı) oder knien (dar-ı Nesimi).
Zweck dieser Rechenschaft ist es, vor Gott Sündenfrei
zu erscheinen. Dies ist nach alevitischem Glauben nur möglich, indem der Mensch
auf Erde sein Unrecht bereinigt. Durch die alljährliche Rechenschaft wird es
ihm ermöglicht, zurückzublicken und sich zu entschuldigen. Bei fehlender
Einsicht wird durch die Gemeinde oder den Geschädigten sein Fehlverhalten
reflektiert, so dass er letztlich zur Wiedergutmachung aufgefordert wird und
nur diese ihm das friedliche Gemeindeleben mit einer Teilnahme am Gottesdienst
ermöglicht. Auf diese Weise entledigt sich jeder Mensch seines Unrechtes und
erscheint im Todesfalle ohne Menschenschuld vor Gott. Hierzu wird er im Koran
auch aufgerufen, wenn Gott von ihm verlangt, ohne Menschenschuld zu ihm
zurückzukehren.
23) WELCHE BEDEUTUNG WIRD DEM SEMAH EINGERÄUMT?
é
Zurück
Der Semah
ist ein Teil des alevitischen Gottesdienstes. Es ist eines der 12 Dienste in
der Cem-Zeremonie und ist ein unverzichtbares Attribut. Es ist ein ritueller
Gebetstanz der Aleviten. Abhängig von kulturellen und lokalen Bedingungen,
unterscheiden sich die Riten des Semah. Verschiedene Gewohnheiten und Sitten
der einzelnen Völker haben dazu geführt, dass es viele äußere Formen des Gebets
gibt. Eine dieser Formen ist der Semah.
Der Semah erweckt optisch den Eindruck
eines Tanzes, da sich die Semahcı, also derjenige, der den Semah vorführt,
sich in Kreisform bewegt. Es gibt verschiedene Semahformen aus den
verschiedenen Regionen Anatoliens. Meist drehen sich Männer und Frauen in
geschlossener Kreisform gemeinsam um einen imaginären[60]
Mittelpunkt, wobei dem Dede, dem Leiter der Cem-Zeremonie, nie der Rücken
zugewendet wird. Der Semah besteht aus Symbolen, die die Beziehung zum Schöpfer
ausdrücken. Er ist ein universeller Gottesdienst, dessen ethnologischer
Ursprung nicht lokal zu ermitteln ist. Über die Frage, seit wann es den Semah
gibt, besteht ebenfalls kein Konsens[61].
Als Metapher[62] wird
jedoch stets gesagt, dass es den Semah seit dem Entstehen des Kosmos gibt. Es
ist wissenschaftlich anerkannt, dass die grundlegende Voraussetzung für die
Existenz eine Drehbewegung ist. Es gibt kein Wesen, das sich nicht in
irgendeiner Weise dreht. Alle Wesen bestehen aus Atomen mit kreisenden
Elektronen, Protonen und Neutronen. Der Mensch lebt dank der Teilchenbewegung,
dem Blutkreislauf und dem Lebenszyklus des Entstehens aus der Erde und dem
Wiederkehren zur Erde. Zudem befindet er sich im drehenden Sonnensystem, in dem
Planeten sich um die Sonne, aber auch um ihre eigene Achse drehen. Ins Deutsche
übersetzt bedeutet Semah
„Himmel, Himmelsgewölbe".
Unmittelbar nach dem Ende des Semahs,
stehen alle Semahcıs, mit auf der Brust überkreuzten Armen, vor dem Dede
in einer Reihe. Das Semah-Ritual endet, wenn der Dede für die Semahcıs ein
Gebet bzw. den „Rosenruf (Gülbeng)"
ausspricht.
Viele kennen die Bilder der sich in Ekstase[63]
drehenden Derwische. In Sufi-Orden, wie dem Mevlevi-Orden und bei den Anhängern
des Mystikers Haci Bektasi Veli (13. Jhd.) ist der Tanz ein fester Bestandteil
der religiösen Riten und Traditionen. Der Semah (Himmel, Himmelsgewölbe) hat
vor allem innerhalb der alevitischen Kultur einen hohen Stellenwert. In
Begleitung von Saz und mystischen Liedern drehen sich Frauen und Männer
gemeinsam in Form eines Kreises, wie die Kreisbahnen der Planeten Sonne und
Mond. Mit langsamen Bewegungen geht's los, nach und nach werden die Bewegungen
schneller.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass der
Semah kein Tanzstil ist. Musik und Rhythmus, Gesang und Körpersprache haben
beim Semah eine tiefere, mystische Bedeutung. Er ist eine Erzählung, Ausdruck
von Dankbarkeit, der Freude, des Reichtums, aber auch des Todes, umrahmt von
Rhythmen und Musik. Er ist eine Inszenierung[64] des
Ursprungs des alevitischen Glaubens. So erklärt es sich auch, dass es kaum
regionale Unterschiede gibt, dass der Semah eine gemeinsame Sprache ist, der
sogar weit entfernte alevitische Gemeinden miteinander verbindet.
Nach der Überlieferung vom 6. Imam im
" IMAM CAFER BUYRUK " wurde der Semah erstmals im " Geheimbund
der VIERZIGER " vollzogen. Dieser Bund bestand aus 17 Frauen und 23 Männer
und geht auf eine früh- alevitische Glaubensgruppe des 6. Jahrhunderts zurück.
Unter diesen Personen war auch Ali, der Schwiegersohn Mohammed's vertreten. In
diesem Bund wurde dann in Anwesenheit von Propheten Mohammed eine Traube
zerdrückt, so das alle ein Schluck davon einnahmen. Daraufhin haben die "
Vierziger " den Semah " getanzt ". Der Semah ähnelt einem
Reigentanz[65]. Allerdings sollte er nicht als folkloristisches Element betrachtet werden, das
zu feierlichen Anlässen oder gar zum Vergnügen getanzt wird. Der Semah ist
vielmehr ein Gebetsritual, der nur in der Cem-Zeremonie vorgetragen werden
sollte.
Wie
wird Semah vorgeführt?
Der Semah wird von Frauen und Männer
unterschiedlichen Alters praktiziert. Die Kleidung sollte aus den
Alltagskleidern bestehen, weil es nicht auf die äußere, sondern auf die innere
Vereinigung mit Gott und Natur ankommt. Die Semah- Mitglieder bewegen sich in
einer kreisförmigen Figur. Dabei drehen sie sich zusätzlich um die eigene
Achse. Die nach oben und unten gerichteten Hände versuchen dabei symbolisch
eine Verbindung/ Vermittlung zwischen Erde und Gott darzustellen. Die
Flugbewegung des bei den Aleviten heiligen Tieres, des Kranichs (Turna), wird
ebenfalls nachgeahmt. Die dabei dargestellte Figur, also das Drehen in einer
"Kreisbahn" und das Drehen um die eigene Achse, symbolisiert nicht
nur das Universum, wo die Planeten in einer Umlaufbahn um die Sonne und um ihre
eigene Achse kreisen, sondern auch die ewigen Kreisläufe des Lebens und der
Natur.
Denn für die Aleviten ist die Dreieinigkeit
von GOTT- MENSCH- NATUR ein sehr wichtiges Element ihrer Religion. Nur wenn
alle drei vereint sind, also in Eins verschmolzen sind, kann man zur Wahrheit
gelangen. Wenn man nur eins der drei als Schwerpunkt oder als das Höchste
anpreist, so verschwindet die Harmonie zwischen allen drei, was dann zur Chaos
führen kann. Die Aufgabe des Menschen ist also das Erreichen des "
Eins-Werden" mit Gott und Natur. Die Dreieinigkeit Gott-Mensch-Natur wird
vom Semah- Teilnehmer in dem Ritual symbolisiert.
Leider wird der Semah heutzutage von den
alevitschen Jugendlichen nicht immer als religiöses Ritual wahrgenommen und
gewürdigt. Einige verwechseln den Semah mit Folklore und versuchen überall, wo
es sich anzubieten scheint, den Semah zu "tanzen". Doch wenn wir nicht
selber unsere Fehler korrigieren, werden vielleicht unsere Kinder den Semah
wirklich nur als Folklore kennen lernen. Der alevitische Dichter Aşık
Hudai schrieb hierzu folgende Verse:
„Der gesamte Kosmos vollzieht
den Semah,
Aus Liebe [zu Gott] brennt
die Sonne,
Die Schöpfung erreicht die
wahre Essenz,
Haltet euch nicht mit den
fünf (Gebets-)Zeiten auf!
(Bütün Evren Semah döner,
Aşkından Güneş yanar! Aslına ermektir Hüner! Beş
vakitle avunmayın!)".
MAN KANN UND SOLLTE AUCH
NICHT IN HOCHZEITEN, FEIERLICHEN ANLÄSSEN ODER POLITISCHEN VERANSTALTUNGEN DEN
SEMAH VORFÜHREN ODER " TANZEN". DENN SO GEHT DER GANZE SINN DES
SEMAH'S, DAS EINS - WERDEN MIT GOTT UND NATUR, REGELRECHT VERLOREN!!!!!
é
Zurück
|