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24)
WAS BEDEUTET DIE
WAHLVERWANDTSCHAFT/ WEGGEMEINSCHAFT (MÜSAHIPLIK)?
25)
WELCHE WEITEREN RELIGIONEN, UND
PHILOSOPHIEN BEEINFLUSSTEN DAS ALEVITENTUM?
26)
DER GLAUBE AN DEN PROPHETEN JESUS?
27)
WELCHE GLAUBENSRICHTUNGEN SIND AUS
DEM ISLAM ENTSTANDEN?
28)
KANN MAN ZUM ALEVITENTUM
KONVERTIEREN?
29)
GIBT ES UNTERSCHIEDE ZWISCHEN
ALEVITEN UND BEKTASCHITEN?
30)
WELCHE PRAKTIKEN UND RITEN
UNTERSCHEIDEN SCHIITEN UND SUNNITEN VON ALEVITEN?
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24)
WAS BEDEUTET DIE WAHLVERWANDTSCHAFT/ WEGGEMEINSCHAFT
(MÜSAHIPLIK)?
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„Müsahiplik"
bedeutet soviel wie eine soziale Wahlverwandtschaft; d.h. die Beteiligten
müssen nicht Blutsverwandte sein. Diese Wahlverwandtschaft entspricht der
Weggemeinschaft. Die Cem-Zeremonien werden auf verschiedene Weise, z.B. als
Initiationszeremonie (İkrar-Cem) oder
als Verrichtung der 12 Dienste (Görgü-Cem) usw.
durchgeführt, wobei manche Versammlungen (Birlik-Cem) offen
für die ganze Gemeinde sind. Dabei spielt auch das Alter keine Rolle.
Der „Görgü-Cem"
ist im Vergleich dazu von speziellerer Art. Er ist strenger und hat eine feste
Ordnung, so dass Personen, die keinen „Wahlverwandten" (Musahip) haben, von der
Teilnahme ausgeschlossen sind. Die „Wahlverwandtschaft" beginnt damit,
dass zunächst vier Aleviten – zwei Ehepaare - sich dahingehend entscheiden, den
alevitischen Weg durch die Initiation (İkrar)
und durch die Bindung an einen Lehrer (Mürşit)
einzuschlagen. Hierzu ist es unerlässlich, sich einen Müsahip auszusuchen. Die
Wahlverwandtschaft muss dann auch von den jeweiligen Familien genehmigt werden.
Die „Wahlverwandten" sollten
hinsichtlich ihres Sozialstatus, Bildungsstandes und ihrer wirtschaftlichen
Lage ähnlich sein. Bei der Wahlverwandtschaft spielen nämlich der Kodex der
gegenseitigen Hilfe und die Solidarität eine wichtige Rolle zwischen den
Beteiligten, die sich in allen Bereichen des sozialen Lebens gegenseitig
unterstützen. Wenn eine der Wahlverwandten stirbt oder arbeitsunfähig wird, hat
der Wahlverwandte die Pflicht, sich um deren Familie zu sorgen.
Eine Besonderheit der Wahlverwandtschaft
ist, dass die Kinder dieser Familien innerhalb sieben Generationen nicht
einander heiraten dürfen. Die Wahlverwandten helfen sich nicht nur, sondern
können auch vom Besitz ihres Wahlverwandten Nutzen ziehen. Die Wahlverwandten
sind überdies gegenseitig für ihre Fehler mitverantwortlich, aber auch die
Wohltaten des einen Wahlbruders kommen auch dem anderen Wahlbruder zu Gute. Es
ist vom sozialen Standpunkt unverkennbar, wie wichtig eine solche Institution
für gesellschaftliche Einheit, Toleranz und Frieden ist.
Es ist klar, dass solange Liebe und Toleranz
an erster Stelle steht und ein hoher Grad der gegenseitigen Hilfeleistung
vorliegt, eine solche Gesellschaft, sei es eine alevitische, sei es eine
christliche Gesellschaft, in einer Eintracht lebt, die nicht ohne weiteres
zerstört werden kann. Genau so klar ist es, dass solche Institutionen - sei es
die Wahlverwandtschaft im Alevitentum, seien es andere Formen der Bruder- und
Schwesternschaft-, die den zwischenmenschlichen Beziehungen Sicherheit geben,
von großer Bedeutung sind: und zwar besonders in Verhältnissen, in denen die
Menschen ihr Vertrauen verloren haben. Die Institution der Wahlverwandtschaft
beruht auf der Auswanderung (Hicra)
des Propheten aus Mekka nach Medina. Diejenigen, die mit Mohammed auswanderten,
nennt man „Auswanderer" (Mahacirin),
während die in Medina ansässige Gefolgschaft „Helfer" (Ansar) genannt wird. Da
nun die Unterkunft und Verpflegung den „Auswanderer" ein großes Problem
bereiteten, stellte Mohammed jedem Auswanderer aus Mekka einen in Medina
ansässigen Bruder bei. Auf diese Weise stärkte er die soziale Solidarität und
fand eine Unterkunft für die Muslime aus Mekka.
Der wichtigste Grund dafür ist die
Institution der „Blutsbrüderschaft"(Andalık),
die ihren Ursprung bei den Turkmenen und Nomaden (Yörük) hat. Zwei Personen werden dabei zu
„Blutsbrüdern" und nennen sich gegenseitig „Anda" (Blutsbruder). Sie nennen sich
bis zu ihrem Tode „Weggenossen" (Yoldaş)
und lassen es, wie Blutsverwandte nicht zu, dass ihre Kinder einander heiraten.
Diese Institution verband sich mit den beschriebenen Vorfällen in Medina und
existiert so in der Kultur des Alevitentums noch heute fort. Es ist auch der
Fall, dass Einzelkinder oder solche, deren Geschwister alle bei Gott
eingegangen sind, sich auf ihrem Lebensweg einsam fühlen, so dass die Institution
der Wahlverwandtschaft, bei der ja ein sehr enges geschwisterliches Verhältnis
der Fall ist, ihnen helfen kann.
Im Alevitentum existiert auch die Legende,
dass Ali und Mohammed Wahlbrüder gewesen seien. Bisher sieht es leider so aus,
dass nur wenige Aleviten von sich behaupten können, einen Wahlbruder zu haben.
Mittlerweile aber nimmt das Interesse der in Deutschland lebenden alevitischen
Jugend an der Wahlbruderschaft zu, so dass man eine zunehmende Tendenz zum
Abschluss der Wahlbruderschaften beobachtet.
25)
WELCHE WEITEREN RELIGIONEN, UND PHILOSOPHIEN BEEINFLUSSTEN DAS
ALEVITENTUM?
é
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Es ist ein Faktum, dass sich in der
Geschichte Religionen und Kulturen gegenseitig beeinflusst haben. Dieser
gegenseitige Einfluss kann mit dem Begriff der „Parallelität" ausgedrückt
werden. Die Menschen haben eine gemeinsame Vernunft und ein gemeinsames
Denkvermögen. Dies bringt mit sich, dass Menschen an verschiedenen Orten und zu
verschiedenen Zeiten zu gleichen Anschauungen kommen.
Deshalb ist es unumgänglich, dass innerhalb
einer Religion Einflüsse anderer Religionen vorhanden sind. Die Sonne z.B. gilt
im alten Ägypten, in Indien und im Zen-Buddhismus als heilig genauso wie bei
den südamerikanischen Zivilisationen der Azteken und der Mayas. Aufgrund dieser
Parallelen jedoch zu behaupten, die eine Religion müsse sich der anderen
Religion unterordnen, ist falsch.
Einigen Interpretationen zufolge wird das
Alevitentum als eine Art Subreligion des Zoroastrismus definiert. Der
Zoroastrismus ist eine bis in alte Zeiten zurückreichende Glaubenslehre, in dem
das Feuer heilig gesprochen wird. Zoroaster hat diesen Glauben neu geordnet. Das
Judentum, der Brahmanismus und andere Religionen des Mittelostens haben zur
Formation dieses Glaubens beigetragen. Der Zoroastrismus wiederum hat unzählige
vorderasiatische Religionen beeinflusst. Allein deswegen ist die Behauptung,
dass das Alevitentum seinen Ursprung im Zoroastrismus habe, nicht haltbar, da
jede dieser Religionen eine Subreligion des Zoroastrismus sein müsse.
Der Umstand, dass Zoroaster ohne Vater auf
die Welt kam und manche Legenden über ihn weisen auf eine Ähnlichkeit zum
Christentum hin. Das Verständnis einer sieben-stufigen Bildung ähnelt dem
Verständnis im Brahmanismus und im Buddhismus.
Im Weiteren tritt im Zoroastrismus der
Begriff der Heiligkeit des Feuers auf. In vielen Religionen jedoch hat das
Feuer eine zentrale Funktion. Der Schamanismus beinhaltet, wenn auch auf andere
Weise, dieses Element wie auch die griechische Mythologie. Auch bei den alten
vorderasiatischen Religionen hat das Feuer eine vielfache symbolische
Bedeutung.
Dahingegen ist im Alevitentum nicht das
Feuer an sich heilig, sondern dessen Bedeutung und Symbolik. Das Feuer des
Zoroastrismus brennt ständig in den Tempeln, wo es nie verlöschen darf und
angebetet wird. Beim alevitischen „Anzünden des Feuers (Çerağ)" geht
es nicht um das Feuer, sondern um das Symbol des Lichtes Mohammed-Alis hat hier
nichts mit dem Feuer des Zoroastrismus zu tun.
Im Alevitentum bestehen auch Vergleichbarkeiten zum Christentum:
Die Dreiheit „Allah-Mohammed-Ali" des
Alevitentums wird häufig in Verbindung mit der Dreieinigkeit im Christentums
(Vater, Sohn, Heiliger Geist) gebracht. Es besteht jedoch hier, bis auf die
Zahl Drei, die in vielen Kulturen, Religionen und Glaubenslehren eine Rolle
spielt keine bedeutsame Ähnlichkeit.
Es kommt auch vor, dass zwischen den 12
Imamen und den 12 Aposteln eine Verbindung hergestellt wird. Es gibt jedoch
große Unterschiede: Das Imamentum ist eine geistige Institution, die vom Vater
auf den Sohn vererbt wird und einem „geistigen Herrentum (Velayet)"
entspricht, die ihre Quelle in vielen Versen des Korans hat. Die 12 Imame kamen
nacheinander auf die Welt, während die 12 Apostel zur gleichen Zeit lebten. Die
Zahl Zwölf wird in Kulturen und Religionen der ganzen Welt verwendet. Deshalb
ist es nicht richtig, diese Zahl nur auf eine Religion oder einen Kulturkreis
zu beziehen.
Die „Zwölf Stämme" des Judentums, der
„Zwölfarmige Baum" im alten Glauben der Türken und der bei Türken und
Chinesen verbreitete 12-Tier-Kalender sind nur einige Beispiele dafür. Des
Weiteren zeigen die zwölf Sternzeichen des Horoskops und ihr Zusammenhang zu
den zwölf Monaten, wie diese Zahl in vielen Kulturen gebräuchlich ist.
Eine weitere Parallele ist zwischen dem
vollkommenen, vollendeten Menschen (İnsan-i
Kamil) im Alevitentum und dem erwachten, erleuchteten Menschen (Buddha) im Buddhismus zu
erkennen. Jedoch ist die unterschiedliche Auslegung auch hier charakteristisch
für das Alevitentum. Der İnsan-i Kamil im Alevitentum erlangt die
Erleuchtung durch Einklang mit Gott, während bei der buddhistischen Erleuchtung
(Bodhi) die
Rolle eines Gottes völlig belanglos ist.
Dass es Ähnlichkeiten zwischen dem
Alevitentum und dem Schamanismus gibt, wird von vielen Wissenschaftlern
akzeptiert. Vor allem die architektonischen Merkmale der Konvente, die Art und
Weise, wie die Institution des „Dedes"
seine Funktion erfüllt, die Heiligkeit des Wacholderbaumes, der Begriff des
zwölf-astigen Baumes des Universums, die Bedeutsamkeit des Hirsches und der
Hirsch-Legenden und viele weitere Elemente weisen Ähnlichkeit mit dem
Schamanismus auf.
Auch die Tradition, an heiligen Stätten ein
Tuch an einen Baum zu binden ist ein sozial-anthropologisches[66]
Phänomen, das von Kasachstan bis zum Balkan beobachtet wird und ein weiteres
typisches Beispiel ist. All dies hat seine Quellen in den kulturellen, weniger
den religiösen Werten, die die aus Mittelasien nach Anatolien eingewanderten
Stämme aus Asien mitgebracht haben.
Grundsätzlich kann man sagen, dass
Parallelen und Beeinflussungen zwischen den Religionen ein historisches Faktum
ist, das auf alle Glaubenslehren zutrifft. Bei näherer Betrachtung wird
ersichtlich, dass stetige Beeinflussungen stattfanden und wie verstrickt die
Religionen miteinander sind. Aufgrund dieser Beeinflussungen jedoch zu
versuchen, das Alevitentum den jeweiligen Religionen unterzuordnen, ist falsch.
Jede Religion hat den Einfluss einer
anderen Religion neu für sich ausgelegt. Sucht man nach dem Ursprung bestimmter
Traditionen im Alevitentum, darf man die Entwicklung und Auslegung dieser
ursprünglichen Einflüsse nicht außer Acht lassen.
26)
DER GLAUBE AN DEN PROPHETEN JESUS?
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Aleviten glauben zumeist an die im Koran erwähnten
Propheten welche von Gott für bestimmte Zwecke in bestimmten Zeiten erwählt
worden sind. So haben Mose, David, Jesus und Mohammed wichtige Bücher vom
Himmel herab erhalten. Andere, wie Abraham und Noah, haben in geringerem Umfang
ebenfalls Offenbarungen in schriftlicher Form von Gott erhalten. Die Mehrheit
der Aleviten ist davon überzeugt, die Propheten seien sündlos gewesen. Manche
sagen, alle Propheten seien menschliche Erscheinungen Gottes.
Für die meisten Aleviten ist Jesus nicht kleiner und nicht
größer als irgendeiner der anderen Propheten. Er ist besonders als der Prophet
der Christen bekannt und als derjenige, dem das Evangelium (İncil)
„herabgereicht“ wurde. Manche Aleviten nehmen die Aussage des Korans wörtlich,
Jesus sei von einer Jungfrau geboren worden. Aleviten, die nicht an das
Übernatürliche glauben, halten auch nichts von den biblischen Geschichten der
jungfräulichen Geburt Jesu, seinen Wundern und seiner Auferstehung von den
Toten.
Jedoch identifizieren sich fast alle Aleviten, die das Neue
Testament (İncil) gelesen haben, sehr stark mit der Art und Weise, wie
Jesus mit den religiösen Fanatikern und mit den Heuchlern seiner Zeit
umgegangen ist. Andererseits zeigen sich Aleviten erstaunt darüber, wie Jesus
die Lehren der Torah[67], der
Psalmen[68] und der
Propheten in zwei einfache Gebote zusammengefaßt hat: „Liebe Gott mit deinem
ganzen Herzen, Seele, Verstand und mit ganzer Kraft; liebe deinen Nächsten wie
dich selbst.“ Diese grundlegende Aussage Jesu erinnert die Aleviten an ihre
eigenen Grundwerte: „Liebe Gott und liebe die Menschen“ (Tanrı sevgisi,
insan sevgisi).
Manche Aleviten kennen sich auch mit den Lehren Jesu und über
seine zweite Wiederkunft aus. Unter diesen Aleviten sind einige davon
überzeugt, dass Jesus dieselbe Person ist wie Mehdi, der 12. Imam, auf dessen
irdische Wiederkunft sie warten.
27)
WELCHE GLAUBENSRICHTUNGEN SIND AUS DEM ISLAM ENTSTANDEN?
[69]
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SUNNITEN: Die überwiegende Mehrheit der Muslime weltweit (85–90 %)
sind Sunniten, das heißt, sie folgen der Sunna (= Gewohnheit, Brauch,
Tradition), der Wegweisung des Propheten Muhammad, wie sie in dessen
Aussprüchen und Taten, den Hadithen, überliefert ist. Die Sunna bildet neben
dem Koran die zweite wichtige Quelle religiösen Lebens im sunnitischen Islam
sowie für die vier klassischen sunnitischen Rechtsschulen (Hanafiten, Malikiten,
Schafiiten, Hanbaliten). Die Sunniten bemühen sich um einen strikten, aber
realitätsbezogenen Nachvollzug des Lebens Muhammads. Sie anerkennen im Gegensatz
zu den Schiiten die ersten vier sogenannten „Rechtgeleiteten Kalifen“ (Abu Bakir,
Ömer, Osman und Ali).
SCHIITEN: Die Schiiten (von arab. Shi’at Ali, „die Partei Alis“)
bilden nach den Sunniten die zweitgrößte, zahlenmäßig jedoch weit kleinere
Hauptrichtung des Islam (weltweit etwa 10–15 %). Die Spaltung der islamischen
Gemeinde erfolgte im Streit um die gültige Nachfolge (Kalifat) des Propheten:
Die Schiiten sind der Überzeugung, allein die unmittelbaren Nachkommen
Muhammads dürften die legitimen Nachfolger des Propheten stellen und halten
daher Ali ibn Abi Talib, den Vetter und Schwiegersohn Muhammads, und seine
Söhne Hasan und Husain für die ersten rechtmäßigen Kalifen bzw. Imame. Diese
werden als von Gott eingesetzt betrachtet und sind daher oberste, unfehlbare
Autoritäten in Rechtsprechung und Auslegung des Korans und gelten sogar als
frei von Sünde.
ZWÖLFERSCHIITEN: Nach dem Glauben der größten Gruppe
unter den Schiiten, den sogenanten „Zwölferschiiten“, ist der zwölfte Imam
nicht gestorben, sondern lebt in der Verborgenheit weiter und wird am Ende der
Zeit als Messias (Mahdi) wiederkehren, um die gerechte Ordnung zu errichten.
Während seiner Abwesenheit wird er vom schiitischen Klerus[70]
vertreten. Jeder Gläubige sucht sich einen Groß-Ayatollah[71] als
"Quelle der Nachahmung" und lebt dessen Rechtsauslegung. Die
Zwölferschiiten (ca. 110 Mio) leben heute hauptsächlich im Iran (seit 1979
Staatsreligion), Südirak, Libanon, in Syrien und Aserbaidschan.
ISMAELITEN: Ein weiterer Zweige des schiitischen
Islam sind die Ismaeliten (vor allem Indien, Pakistan, Afghanistan; ca.18 Mio), die sich nach dem siebten Imam (deshalb auch
„Siebenerschia“) benennen (heute zwei Richtungen: Bohras und Nizaris -> Aga
Khan). Nach
dem Tod von Hz. Caferi Sadik (6. Imam) entstand eine Kluft unter den Anhängern
von Hz. Caferi Sadik. Während seine Lebzeiten erklärten Hz. Caferi Sadik seinen
Sohn Ismail zu seinem Nachfolger, doch Ismail starb in jungen alter und somit
wurde Hz. Musa Kazim zum Nachfolger ernannt. Die Anhänger von Ismail haben Hz.
Musa Kazim nicht anerkannt und erklärten Mohammed Ismail, Sohn von gestorbenen
Ismail, als ihren Anführer und somit entstand die Gruppe der Ismailiten.
Die Anhänger von Mohammed Ismail meinten
dass die Imam Reihe mit Mohammed Ismail endete man nennt sie auch die Siebener
Imamiten. Die Ismailiten gründeten in Maghreb (909) einen Staat, das Reich der
Fatimiden. Mit der Gründung von Kairo (969) wurde die Ismailitische Lehre zu
einer Offiziellen Staatsdoktrin[72].
ZAIDITEN: Schließlich gibt es die Rechtsschule und jemenitische Herrscherdynastie
der Zaiditen oder „Fünfer-Schiiten“, deren Reihe von Imamen sich bis in die
Gegenwart hinein (durch Selbstproklamation) fortgesetzt hat. Unter den Schiiten
stehen die Zaiditen den Sunniten am Nächsten. Der schiitische Islam kennt im
Gegensatz zum sunnitischen eine hierarchische Geistlichkeit und weist neben dem
bereits genannten messianischen Gedanken eine starke Märtyrerfrömmigkeit auf:
Sämtliche Imame gelten als Märtyrer, besonders aber der dritte Imam (Husain),
im Monat Muharram mit Trauerfeiern und Passionsspielen (Ashura) gedacht wird.
Nach dem Tod von 5.Imam Mohammed Bakir waren
für viele ein Wendepunkt, den es gab mehrere Aufstände und es entstanden
mehrere Rebellische Zweige denen es gereicht hat dass alle fünf Imame durch die
Ummayaden Herrschern umgebracht worden sind. Die bekannteste Aufständische Gruppe
ist die Gruppe der Zaiditen. Sie Stammen von Zaid, dem Halbbruder von Hz.
Zeynel Abidin, der in den Jahren 749/750 ein Aufstand in Kufa organisierte.
Zaiditen gibt es heute im nördlichen Jemen.
SUFISMUS: Der Sufismus (von arabisch „suf“ = Wolle, weil die ersten
islamischen Mystiker Asketen[73] waren
und Wollgewänder trugen) ist die vor allem im sunnitischen Islam entstandene
und verbreitete mystische Richtung. Mystik meint die Verinnerlichung der
Gottesbeziehung. Wenn die islamische Mystik bei ihrer Entstehung im 9.Jahrhundert
auch außerislamische wie etwa christliche Impulse und Elemente aufgenommen hat,
so steht sie doch deutlich und ausdrücklich auf dem Boden des Korans und der
islamischen Tradition: Im Zentrum steht das Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit
Gottes. Gegenüber der Gotteserkenntnis im Glauben aber sucht der Mystiker die
intuitive Schau und geistige Erfahrung Gottes, letztlich die Vereinigung mit
ihm (unio mystica), islamisch ausgedrückt die „Entwerdung“ in Gott.
Eine
solche Erfahrung ist Gnade, bedarf aber auch des Willens und eines geistlichen
Führers (Shaikh “Şıh”, Pir), der den Gottsucher auf seinem Pfad mit
den verschiedenen Stationen (Reue, Entsagung, Gottvertrauen, Dankbarkeit, Liebe
und Erkenntnis) führt. Die „Techniken“ auf diesem Weg sind Gebet, Kontemplation
und ständiges Gedenken Gottes (dhikr). In manchen mystischen Gemeinschaften, genannt
Orden, gibt es auch Musik und stundenlanger Tanz bis zur Ekstase wie etwa bei
den „Tanzenden Derwischen“ (Mewlewije), die sich auf Dschalaladdin Rumi „Celalettin
Rumi“ (1207–1273) zurückführen. Obwohl es immer wieder zur Konfrontation mit
der islamischen „Orthodoxie“ kam, spielte und spielt der Sufismus bis heute
eine unschätzbare Rolle für die islamische Volksfrömmigkeit, Kunst und Poesie.
ALEVITEN: siehe Konzept
ALAWITEN (NUSAIRIER): Neben den Aleviten in der Türkei gibt
es vor allem in Syrien und in der Südosttürkei die im 9. Jh. im Irak aus dem
ismailitischen Islam entstandenen arabischsprachigen Alawiten (auch Nusairier).
Gegründet durch Muhammad ibn Nusair an-Namiri, der sich selbst zum Propheten
erklärte und den Imamen göttlichen Charakter zuschrieb, also Glaube an
(Re-)Inkarnationen[74]. Die
geheime Lehre (eigener „Koran“) enthält Elemente nicht nur des Islam, sondern
auch des Christentums, der antiken Gnosis[75] und
altorientalischer Religionen. Die syrischen Staatspräsidenten seit 1970 (Hafiz
und Bashar al-Asad) gehören dieser Minderheitenrichtung an.
DRUSEN: Die Drusen sind im 11. Jh. aus der schiitischen Richtung
der ismaelitischen Fatimiden hervorgegangen: der Gründer der Bewegung, Hamzah
ibn Ali, verkündete den Fatimidenkalif von Ägypten al-Hakim (985–1021) als
Verkörperung Gottes. Die Bezeichnung der Drusen geht auf ad-Darazi zurück, der
lehrte, der Geist Gottes habe sich in allen schiitischen Imamen verkörpert
(neuplatonisch-gnostische Konzeption). Kennzeichen ist der Wiedergeburtsglaube.
7 Gebote ersetzen die „fünf Säulen“ des orthodoxen Islam: Wahrhaftigkeit,
gegenseitige Hilfe, Glaube an die Einzigkeit Gottes, Trennung von Ungläubigen,
Glaube an die Inkarnation[76] Gottes
in al-Hakim, Einwilligung in Gottes Willen, Erfüllung des göttlichen Willens.
Heil hängt von der Erkenntnis Gottes (Gnosis!) und der Erfüllung der ethischen
Gebote ab. Al-Hakim wird am Ende der zeit als Mahdi (Messias) wiederkehren und
die Welt in Gerechtigkeit regieren. Die Religionsgemeinschaft ist in zwei
Klassen, Eingeweihte (hierarchisch gegliedert) und Unwissende, geteilt. Heute
verbreitet in Syrien, Libanon und Nordisrael (Heiligtum in Hittin: Grab des
Jitro).
YEZIDEN: Yeziden (entweder von „yazd“ = Engelswesen, Gott, oder dem
Umaiyadenkalifen Yazid) sind Anhänger einer vor allem unter Kurden verbreiteten
Religion, die (etwa im 12./13. Jh.) aus einer islamisch-mystischen Gemeinschaft
heraus entstanden ist und dabei Elemente alter vorderorientalischer Religionen
aufgenommen hat. Kennzeichen ist die Verehrung des „Engel Pfau“, eines obersten
heiligen Wesens, dem Gott die Leitung der Welt anvertraut und welches das Böse
überwunden hat, sowie der Glaube an die Seelenwanderung. Jesus und Muhammad
werden als Propheten anerkannt.
Strenge
Geheimhaltung in Bezug auf die religiösen Lehren (zwei heilige Bücher,
mündliche Tradition) und innere Hierarchie mit höchster Geistlichkeit;
Kastenwesen. Vermischung mit Nichtyeziden hat Ausschluss aus der Gemeinschaft
zur Folge. Verbreitung im gesamten Siedlungsgebiet der Kurden (Nordirak,
Syrien, Iran, Armenien, Georgien, Aserbaidschan, Türkei).
28)
KANN MAN ZUM ALEVITENTUM KONVERTIEREN?
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Bis Dato ist es so, dass man zum
Alevitentum nicht konvertieren kann, da man - wie auch im Judentum - in die
Gemeinschaft hinein geboren wird. Aber zum Bektaschitentum, das als städtische
Auslegung und Variante des Alevitentums definiert werden kann, können Menschen
unabhängig ihrer ethnischen Herkunft konvertieren. Ein Grund, weshalb man zum
Alevitentum nicht konvertieren kann, liegt darin, dass das Alevitentum keine
Missionierung[77]
kennt. Das Alevitentum ist keine Religion, die für Massen von Menschen
konzipiert worden ist.
Aleviten wurden in den letzten Jahrhunderten
unterdrückt und konnten ihren Glauben nicht frei praktizieren. Daher kann man
den fehlenden Konvertierungsgedanken auch als eine Art Schutzmechanismus
bezeichnen. Zu Zeiten, als das Alevitentum mehr Freiheiten hatte, war
vermutlich auch die Konvertierung zu dieser Religionsgemeinschaft möglich.
Eine außenstehende Person, die sich dem
Alevitentum nahe fühlt und das Alevitentum auch leben möchte, kann durch den
Weg des Bektaschitentums auch praktizieren, denn das Alevitentum hat viele
Verzweigungen: einer davon ist das Bektaschitentum. Wichtige Geistliche und
Volksdichter wie Mohammed Ali Hilmi Dedebaba oder Edip Harabi waren, ehe sie
sich zum Bektaschitentum bekannt haben, sunnitischen Glaubens. Unter Aleviten
genießen sie denselben Respekt und dieselbe Anerkennung wie die anderen Dichter
der anatolisch-alevitischen Geschichte. Im weitesten Sinne ist derzeit also
eine Konvertierung zum Alevitentum über das Bektaschitentum möglich.
29)
GIBT ES UNTERSCHIEDE ZWISCHEN ALEVITEN UND BEKTASCHITEN?
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Ehe wir auf die Unterschiede eingehen,
sollte kurz der Begriff Bektaschi erläutert werden. Das Bektaschitentum ist ein
schiitisch-mystischer Orden und leitet sich ursprünglich von Hacı
Bektaş Veli ab. Im 15. Jahrhundert institutionalisierte Balım Sultan
Hacı Bektaş Velis Lehre und gründete diese Schule. Was die
Glaubenslehre betrifft, unterscheiden sich Aleviten und Bektaschiten kaum. Einige
wenige Unterschiede lassen sich bei der praktischen Auslegung feststellen.
Hierbei ist die auffälligste Abweichung, dass bei den Aleviten auf die
Blutverwandtschaft sehr viel Wert gelegt wird und dies bei den Bektaschiten
vollkommen belanglos ist. Beim anatolischen Alevitentum wird man in die Gemeinschaft
geboren, und allein die Nachkommen der Prophetenfamilie (Evlad-i Resul) dürfen
als Geistliche (Dede, Pir)
fungieren.
Im Bektaschitentum hingegen spielt die
Blutsverwandtschaft sowohl bei Frage der Geistlichen als auch bei dem
grundsätzlichen Glaubensbekenntnis keine Rolle. Unabhängig davon, ob man als
Alevit, Sunnit, Christ etc. auf die Welt gekommen ist, kann man Bektaschi und
sogar Geistlicher im Bektaschitentum (Baba)
werden. Im Alevitentum ist dies bis Dato nicht möglich. Der Grund hierfür liegt
vordergründig in der Unterdrückung durch das Osmanische Regime, dem die
Aleviten über Jahrhunderte ausgesetzt waren.
Die Bektaschiten hingegen standen dem
Osmanischen Regime stets näher. Allein die Tatsache, dass die Elitekorps des
Osmanischen Reiches, die Janitscharen (Yeniçeri),
sich offiziell zum Bektaschitentum bekannten und Hacı Bektaş Veli als
Schutzpatron hatten, unterstreicht dies. Es gibt aber auch eine Strömung im
Bektaschitentum, die Çelebis, die ebenfalls der Blutsverwandtschaft Wichtigkeit
einräumen - und zwar die zu Hacı Bektaş Veli. Des Weiteren wird das
Bektaschitentum als städtische Auslegung des Alevitentums charakterisiert. Das
Alevitentum ist eine für das Dorfleben ausgereifte Glaubenslehre. Das
Bektaschitentum hingegen passte das Alevitentum dem städtischen Leben an. Grundsätzlich
sagen Aleviten und Bektaschiten, dass das Bektaschitentum ein Fluss ist, der in
den alevitischen Ozean mündet.
30)
WELCHE PRAKTIKEN UND RITEN UNTERSCHEIDEN SCHIITEN UND SUNNITEN
VON ALEVITEN?
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Der auffälligste Unterschied
zwischen Sunniten, Schiiten und Aleviten liegt in der Form des kollektiven
Gebets.
Aleviten gehen grundsätzlich
nicht in die Moschee, um dort ihre Gebete zu verrichten. Der Grund hierfür
liegt vordergründig darin, dass Aleviten, Schiiten und Sunniten völlig
unterschiedlich ihre Religiosität in der Gemeinschaft ausleben. Aleviten beten
deswegen in „Cem“-Häusern,
da sie anders beten, als in Moscheen gebetet wird. Im Cem wird zunächst in der
jeweiligen Muttersprache gebetet. Es wird darauf Wert gelegt, dass alle
Beteiligten auch den Inhalt der Zeremonie verstehen. Während in der Moschee
jede Person für sich ihren Gottesdienst verrichtet, beten Aleviten in der
Cem-Zeremonie gemeinsam.
Daher ist auch das Einvernehmen in der Cem-Zeremonie (rızalık) von
besonderer Wichtigkeit, da gemeinsam gebetet wird und dies im Streitfall nach
alevitischem Verständnis nicht möglich ist.
Des Weiteren beten Aleviten
nicht in eine besondere Richtung wie beispielsweise Richtung Mekka/Kaaba,
sondern in Kreisform, von Angesicht zu Angesicht und schaffen so eine
„Kaaba
der Seelen (gönül kaabesi)“.
Zudem ist im Cem der Semah, die 12-Dienste und die Dichtungen der Volksdichter,
instrumentiert durch die Saz, nicht wegzudenken. In Moscheen ist dies alles
nicht der Fall.
Ein weiterer Unterschied ist,
dass das Kollektivgebet im Schiitentum und im Sunnitentum in dem Gebäude
Moschee stattfinden muss. Im Alevitentum hingegen wird das Gebäude – egal ob es
ein Konvent[78] oder ein Wohnzimmer ist –
durch das Kollektivgebet zum Cem-Haus.
Des Weiteren beten Männer und
Frauen in Cem-Zeremonien zusammen und nicht getrennt wie in der Moschee.
Aufgrund der recht vielseitigen Unterschiede in der Gebetsausführung, die stets
auf die Unterschiede der Lehren zurückzuführen sind, haben Aleviten ein eigenes
Gebetshaus. Das Argument, dass Ali in der Moschee (damals existierten nicht
Moscheen, sondern Mescits)
ermordet worden ist und Aleviten deswegen dort nicht beten, ist nicht haltbar.
Interessant ist es, die
Etymologie[79] des türkischen Begriffs
für Moschee, Cami,
mit dem Begriff Cem
zu vergleichen. Beide Begriffe sind miteinander verwandt und drücken letzten
Endes begrifflich dasselbe aus, nämlich das Versammeln.
Ein anderer Ritus, der Aleviten
von Sunniten und Schiiten unterscheidet, ist die Einhaltung des rituellen
Gebets. Laut dem Sunniten- und Schiitentum gehört es zu den fünf Säulen des
Islams, dass jeder Muslim am Tag fünfmal ein rituelles, physisch
vorgeschriebenes Gebet (namaz)
halten muss. Aleviten interpretieren die Aufforderung zum Gebet anders. Nimmt
man den Koran als Quelle dieses Gebots, wird schnell erkennbar, dass nicht ein
rituelles Gebet wie der Namaz von Nöten ist, sondern lediglich die regelmäßige
Gebetsausführung an sich. Dem Alevitentum zufolge ist das individuelle Gebet jedem
Individuum selbst überlassen, ob es der Namaz ist oder ein, liegend im Bett
ausgesprochenes Gebet, Meditation etc.
Wichtig ist der Kern, das
Innere und nicht das oberflächliche, physische. Das Argument, dass Ali und
Mohammed in Moscheen (besser gesagt Mescits) das rituelle Gebet beteten und
Aleviten deswegen dies auch tun müssten, wird Aleviten häufig vorgeworfen. Aber
– Jesus war Jude und eine Institution wie die Kirche existierte zu dieser Zeit
ebenfalls nicht. Demnach ist dieser Vergleich abzulehnen.
Des Weiteren fasten Aleviten
nicht im islamischen Monat Ramadan, sondern im Monat Muharrem. Der Grund
hierfür liegt vor allem darin, dass sich im Laufe der Geschichte diese
Abweichung entwickelt hat. Das Hızır-Fasten und das Muharrem-Fasten
haben einen historischen und symbolischen Wert.
Die Werte des Ramadan, wie die
Selbstkontrolle und das Einfühlungsvermögen in hungernde Menschen, ist
ebenfalls Zweck alevitischen Fastens. Jedoch ragt die Bedeutung des
Hızır Fastens und das Muharrem-Fastens über dieses hinaus und
beinhaltet starken historischen Bezug und Symbolik.
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